12. - 14. Jh. - Die Stadtwerdung

Der Beginn der mittelalterlichen Siedlung Büderich liegt im Dunkeln, die ersten sicheren Hinweise stammen aus dem 12. Jahrhundert.

So wird 1136 ein Heinrich von Boderge in den Regesten des Erzbischofs von Köln genannt. 1138 wird eine Siedlungsstelle Budrich urkundlich als Sitz einer Vogtei des Xantener Viktorstiftes bezeugt. 1144 bestätigte Erzbischof Arnold I. von Köln der Siegburger Propstei Fürstenberg bei Xanten unter anderen Besitzungen ein dem Kloster übertragenes „allodium apud Budreche“. 1154 wurde ein Theodericus prebiter de Buderike erwähnt, das bedeutet, dass Büderich zu dieser Zeit bereits eine Kirche besaß.

Graf Dietrich V. von Kleve

Um 1260 entstanden offenbar Markt, Zoll, Burg und Stadt Büderich. So bekundete 1270 Graf Dietrich V. von Kleve den Besitz des Marktzolls: „de nundinis apud Buderike“. Wenngleich der Büdericher Jahrmarkt, der in der Folgezeit die „spätmittelalterliche Messe des Niederrheins“ darstellte, sicher schon vor 1270 existierte. Der vierwöchige Markt, der alljährlich am 8. September zu Mariä Geburt begann, wird in zahlreichen Urkunden als Zahlungstermin genannt.

Rekonstruktion einer Szene mit Jahrmarktständen

Quellenmäßig nicht zu erfassen ist, wer die Zollstätte Büderich eingerichtet und wann diese an Kleve gekommen ist. Bekannt ist, dass 1288 Graf Eberhard von der Mark bei Büderich Zoll entrichten musste. 1290 folgte die erste überlieferte förmliche Bestätigung des Zolls durch König Rudolf I. 1352 wurde die Büdericher Zollstelle durch die Verlegung des Duisburger Zolls nach Büderich weiter aufgewertet. Die Einnahmen aus dem Zoll flossen in die Kasse der Grafen und Herzöge von Kleve. Büderich profitierte davon, dass der Zwang zur Verzollung der Waren die Schiffer zum Anlegen nötigte, wodurch auch der Waren- und Personenverkehr der Stadt begünstigt wurde.

Der Bau der Burg Büderich könnte im Zusammenhang mit der klevischen Erbteilung von 1255 stehen, bei der spätere Graf Dietrich V. unter anderem die südlichen Teile der Grafschaft mit Büderich, sein Bruder Dietrich Luf u. a. die rechtsrheinischen Besitzungen mit Wesel erhielt. Dietrich Luf I. machte den Bürgern von Wesel das Zugeständnis keine festen Bauten gegen ihren Willen in der Stadt zu errichten. Der Graf brauchte aber eine Residenz im südlichen Teil seines Territoriums. Außerdem mussten Markt, Rheinfähre und Zoll geschützt werden. Für 1342 und die folgenden Jahre ist die Burg durch Weseler Stadtrechnungen bezeugt, da die Weseler auch dorthin ziehen mussten, um ihre Angelegenheiten mit dem Landesherrn zu regeln. 1434 kam es zu einem Neu- oder Erweiterungsbau.

Aufgrund der neueren Untersuchung über das älteste Stadtsiegel, das 1315 erstmals urkundlich nachgewiesen und dessen ältester erhaltender Abdruck aus dem Jahr 1316 stammt, ergab, dass Dietrich V. während der zweiten Gründungsphase der klevischen Städte zwischen 1260 und 1275 Büderich wie auch Dinslaken (1273) und Orsoy (circa 1270/75) zur Stadt erhob. Während Orsoy und Dinslaken ihre jeweiligen Privilegien nach Kalkarer Vorbild erhielten, erhielt Büderich seine städtischen Privilegien nach Weseler Vorbild.

Das Stadtsiegel Büderichs zeigt innerhalb der Umschrift

+S[IGILLVM] : BVRGENSIUM OPIDI IN : BVDERIKA :
(Siegel der Bürger der Stadt in Büderich),

ein Pferd mit Reiter, der auf der linken Hand einen Falken trägt. Ein solches Falkenjagdmotiv ist normalerweise, beschränkt auf das 13. Jahrhundert, Damen und Jungherren vorbehalten. Da der Reiter nicht im Damensitz dargestellt ist, ist offenbar der Graf als Jungherr und somit als Stadtgründer dargestellt. Aufgrund der Übereinstimmung verschiedener Stilelemente ist anzunehmen, dass das Siegel von demselben Stecher hergestellt worden ist, der die Siegel Dinslakens und Orsoys sowie verschiedener bergischer Städte geprägt hat. Auch das erste Grafensiegel Dietrichs V., das 1262 erstmals belegt ist, zeigt auffällige Übereinstimmungen.

Siegelabdruck von 13. Januar 1316, ältester bekannter Abdruck des Büdericher Stadtsiegels; Quelle: Landesarchiv NRW

Ursprünglich waren die Klever Grafen im Gebiet um Büderich nur Vögte des Erzbischofs von Köln. Sie konnten aber ihre Rechte schrittweise bis zur Erlangung der Landeshoheit ausbauen. Jedoch beanspruchten die Kölner Erzbischöfe weiterhin, bis ins 17. Jahrhundert hinein, die Landesoberhoheit für sich und gingen auch militärisch gegen den Klever Grafen vor. Um seine Ansprüche durchzusetzen, ließ Erzbischof Heinrich II. von Virneburg am 24. Juni 1312 Büderich, Ginderich und Birten abbrennen. Vermutlich ist hierbei auch die Stadterhebungsurkunde verloren gegangen. Am 2. Mai 1318 erhielt Büderich erneut eine Stadtrechtsurkunde nach Weseler Vorbild. Das heißt, sie folgt in wesentlichen Teilen dem Stadtprivileg für Wesel von 1241 beziehungsweise dem „privilegium maius“ von 1277. Abgesehen von einigen Vergünstigungen steht das Büdericher Stadtrecht von 1318 dem Weseler von 1277 qualitativ kaum nach. Da diese Urkunde ebenfalls durch eine Katastrophe im 15. Jahrhundert vernichtet wurde, erneuerte 1482 Herzog Johann I. dieses Privileg. Auch dieses Dokument liegt nur noch in einer Abschrift aus dem 18. Jahrhundert vor. Die Landesherren bestätigten den Büderichern das große Stadtprivileg mehrfach, zuletzt 1713.

Bürgermeister und Schöffen („magister burgensium“) sind erst 1315, der Rat 1357 nachzuweisen. 1473 wurde durch Herzog Johann I. die lebenslange Amtszeit der Schöffen durch eine jährliche Neuwahl dreier Schöffen, zu Maria Lichtmess, ersetzt und ihre Zahl von sieben auf sechs reduziert. Der Rat setzt sich zusammen aus Bürgermeister, Rentmeister, Schöffen und Ratmannen sowie den Geschworenen.1 2 3

Rekonstruktion des an der Westseite der Stadt gelegenen Feldtores
Grabplatte Adolfs I. Graf von Kleve und
seiner Gemahlin Margareta von Berg

Noch 1322 und 1326 war die Stadt lediglich mit Gräben umgeben, eine Stadtmauer wird erst 1365 erwähnt. Die beiden Stadttore wurden in den 80er Jahren des 14. Jahrhunderts weiter ausgebaut.

Rekonstruktion des an der Ostseite der Stadt gelegenen Rheintores

Zur Finanzierung des Ausbaus der Ortsbefestigung überließ Adolf I. Graf von Kleve den Büderichern 1388 auf ewig das zweckgebundene Recht, in der Stadt Bier zu brauen, zu zapfen und darauf Steuern zu erheben („End soe wat dan affkoempt soelen sy by onsen rade vertymmeren aen verstinge ons(er) stat van Boederich“).3
Darüber hinaus soll er im Jahr 1392 den Büderichern für geleistete Dienste Grund und Boden geschenkt haben, um daraus Bier zu brauen.6 Wie ein Festungsplan aus dem 17. Jahrhundert zeigt, hatte die Mauer acht halbrunde, zwei viereckige und einen runden Turm, die Burg wurde in die Mauer integriert.

Rekonstruktion der landesherrlichen Turmwindmühle

Vermutlich wurde die ebenfalls in die Stadtmauer integrierte landesherrliche Turmwindmühle  sowie die Roßmühle zeitgleich mit der Stadtmauer bzw. mit dem Ausbau der Stadttore errichtet. Sie befanden sich in der südwestlichen Ecke der Stadtmauer.

mittelalterliche Münzstätte

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts zählte die kleine Stadt 66 Hofstellen. Das 14. und 15. Jahrhundert brachte aber, aufgrund der günstigen Lage an wichtigen Handelswegen und durch Markt und Zoll, einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung für die Stadt mit sich. So war Büderich mindestens im Zeitraum zwischen 1347 und 1394 unter den Grafen Johann und Adolf I. klevische Münzstätte, es wurden Goldgulden, Silbergroschen und Turnose geschlagen. Die eigentliche Münzstätte befand sich vermutlich innerhalb der Burg. Fremde Münzen, die durch den Rheinzoll, Jahrmarkt und auch durch ortsansässige Händler in die Stadt kamen, konnten eingeschmolzen und umgeprägt werden.
Bei den Goldmünzen handelte es sich um genaue Nachahmungen der seit 1252 in Florenz geprägten Floren mit einem Gewicht von 3,53g, die Umschrift BUEDERENSIS weist auf Büderich hin. Die  Turnose-Groschen sind offenbar in großer Zahl in Büderich geschlagen worden, da fünf verschiedene Stempelvarianten bekannt sind. Die Münzstätte wird mit BVODRICENSIS, BODRICEN oder auch BVDERIDUS in der Umschrift der Münzen angegeben. Die Groschen und Groschenteilwerte sind in noch vielfältigerer Form geprägt worden.4

Aus historischen Quellen geht hervor, dass in und um Büderich während der Mittelalterlichen Warmzeit Weinanbau betrieben wurde. Ein wesentlicher Wirtschaftszweig war auch der Weinhandel. So wird berichtet, dass 1389 23 Büdericher Weinhändler 21 Gulden für die Ausbesserung der Kirche spendeten.2 3
Das Wort Wingert bezeichnete einen Weingarten, somit zeugen im Raum Büderich noch einige Flurnamen vom einstigen Weinanbau: Hardswing beim Hof Eger und Op de Hesewing bei Elverich. Auch der Name Winkeling wird seinen Ursprung im einstigen Weinbau haben.5

Auch am Handel mit Tuch, Most, Eisen und Stahl waren auch Büdericher Kaufleute beteiligt. Die wichtigsten Wirtschaftszweige Alt-Büderichs waren der Weinanbau, die Branntweinproduktion, die Fischerei sowie der Getreide- und Weißkohlanbau. 1389 ist die Kirche mit einer Spende von 23 Kaufleuten über 21 Gulden ausgebessert worden.1

1386 wurde mit Aleid Aebels erstmals eine Begine erwähnt.3

 

Marcus Abram

 

Im folgenden Kapitel werden das 15. und 16. Jahrhundert behandelt, die Blütezeit der Stadt und die Zeit der Reformation

 

Quellen:

  1. Jörg Lorenz: Dem Erdboden gleichgemacht. Zeugnisse zur Geschichte der alten Stadt Büderich. Weseler Museumsschriften Band 25. Rheinland-Verlag, Wesel, 1989, ISBN 3-7927-1119-2; S. 11 ff, S. 21 ff
  2. Margret Wensky: Zur Geschichte von Alt-Büderich in Büderich, in: Beiträge zur Stadtgeschichte, Selbstverlag des Stadtarchiv Wesels, 1987, ISBN 3-924380-04-X, S. 11 ff
  3. Martin Wilhelm Roelen, Margret Wensky: Untergang und Neubeginn - vom alten und neuen Büderich, Selbstverlag des Stadtarchiv Wesels, 2013, ISBN 978-3-924380-30-4, S. 12 ff, S. 39
  4. Günther Warthuysen: Die Münzstätten der Grafen und Herzöge von Kleve in Wesel und Büderich IN Kreis Wesel Jahrbuch 2002, Mercator-Verlag Duisburg, 2001, ISBN 3-87463-327-6
  5. Bernd Nettelbusch: Der Wein war sauer - Aus Ratsprotokollen und Kirchenbuch IN Unsere Heimat, Heimatverein Büderich und Gest e.V., Heft 4, 1985
  6. Wilhelm Wolf: Geschichte der evangelischen Gemeinde Büderich bei Wesel, Heft 1, Lehe, 1912, S. 15
  7. Münzen und Medaillen GmbH, Weil am Rhein