5. - 11. Jh. - Frühes Mittelalter

Aufstieg der Franken

In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts gelang es dem salfränkischen Kleinkönig Childerich I. ein Herrschaftsgebiet im Nordosten Galliens zu errichten. Dieses stellte die Grundlage für den Aufstieg seines Sohnes Chlodwig I. dar, dem es gelang die übrigen fränkischen Kleinkönige sowie weitere germanische Gruppen zu unterwerfen. In der Schlacht von Soissons bezwang er 486/487 Syagrius, den letzten römischen Herrscher in Gallien. Damit begründete er das Frankenreich, zu dessen Hauptstadt er Paris machte.
Da es sich bei Chlodwig um einen Enkel Merowechs handelte, wird das Herrschergeschlecht Merowinger und die Zeit ihrer wird die Zeit ihrer Regentschaft auch merowingisch genannt.
 

Taufe Chlodwigs; Darstellung aus dem 9. Jh.
Quelle: Wikimedia

Nach der siegreichten Schlacht von Zülpich der Rheinfranken unter Sigibert von Köln und der Salfranken unter Chlodwig über die Alamannen im Jahre 496 trat Chlodwig zum Christentum über und ließ sich noch im selben Jahr in Reims taufen. In der Folge traten auch die Franken insgesamt zum Christentum über. Die Verschmelzung der bereits zu großen Teilen christlichen galloromanischen Bevölkerung und der Franken wurde damit begünstigt.
Wahrscheinlich fand in den darauffolgenden Jahren noch bei Straßburg eine weitere Schlacht gegen die Alamannen statt, nach der der nördliche Teil des alamannischen Siedlungsgebietes an die Franken viel.
Chlodwig soll Chloderich, den Sohn des rheinfränkischen Kleinkönigs Sigibert, dazu angestiftet haben dessen Vater zu töten. In der Tat tötete zwischen 508 und 511 Chloderich seinen Vater, woraufhin Chlodwig ihn des Mordes beschuldigte, ihn umbringen ließ und sich selbst auch zum König der Rheinfranken erhob.

Das Reich Chlodwigs wurde nach seinem Tod im Jahr 511 unter seinen vier Söhnen in vier Teilreiche aufgeteilt. Theuderich I. fiel dabei das Reich von Metz zu, das später Austrasien oder auch Austrien genannt wurde. Auch der Niederrhein war Bestandteil dieses Teilreiches. Das Gebiet beiderseits des Niederrheins nannte sich Hattuarien, nach dem fränkischen Teilstamm der Chattuarier, die inzwischen an der Mündung der Lippe siedelten.
515 soll es zum Einfall der Dänen mit einhergehenden Verwüstungen in den Gau Hattuarien gekommen sein.

In den folgenden 170 Jahren sollte das Frankenreich immer wieder durch Erbteilung in Teilreiche zerfallen und wieder vereint werden.

Leider mangelt es an schriftlichen Quellen aus frühfränkischer bzw. merowingischer Zeit. Ein Zeugnis der gesellschaftlichen Umbrüche am Rhein von römischer Herrschaft zu fränkischer Herrschaft, von Heidentum und nordischer Mythologie zum Christentum und die Kämpfe und Intrigen innerhalb des fränkischen Herrschergeschlechts spiegeln sich in Sagen wie der Nibelungensage und der nordischen Thidrekssaga, die zu dieser Zeit ihre Ursprünge haben, aber erst im Hochmittelalter niedergeschrieben wurden.

Aus merowingischer Zeit sind insgesamt am Niederrhein nur wenige Siedlungsfunde bekannt. Anders als die Römer bauten sie ihre Siedlungen nicht aus Stein, sondern aus Holz und Lehm, also vergänglichen Baustoffen. Somit kann nicht aus dem Mangel an Siedlungsbefunden auf Siedlungsleere geschlossen werden. Darüber hinaus werden viele fränkische Siedlungen im weiteren Verlauf der Geschichte immer wieder neu bebaut worden sein, so dass die ursprünglichen Siedlungen nicht mehr nachweisbar sind.
Eine wichtige Fundquelle stellen jedoch die fränkischen Gräber und Friedhöfe dar. Im 4. Jahrhundert setzte sich wohl von Salfranken in Nordostgallien sowie von den Alamannen ausgehend die Sitte der Körperbestattung mit Grabbeigaben durch. So sind Gräbbeigaben in Form von Waffen ein sicheres Zeichen für das Grab eines fränkischen Mannes, während Frauen Schmuck in Form von Fibelpaaren beigegeben wurden.1

NRZ 23. April 2021: Ein Fund voller Geheimnisse

Ein großer fränkischer Friedhof mit 200 bis 300 Gräbern wurde etwa 4 km südlich von Büderich in Rill nahe der Kreuzung B58/B57 gefunden. Die Belegungszeit reichte von der Mitte des 5. Jahrhunderts bis in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts. Neben den vielen Körperbestattungen in Holz- oder Baumsärgen mit den entsprechenden Grabbeigaben wurde auch ein älteres Brandgrab gefunden.2
Am Bingelhof zwischen Werrich und Perrich wurde 1926 ein acht umfassendes Gräberfeld sowie als fränkisch eingeschätzte Keramik entdeckt. Zwischen 1850 und 1933 wurden an der Schwanenhofstraße in Ginderich bei Baumaßnahmen und Gartenarbeiten offenbar fränkische Steinsärge mit Skeltetten und Schwertbeigabe sowie Krüge und Töpfe mit Asche und Knochen freigelegt, wobei aber auch römische und vorgeschichtliche Objekte gefunden sein sollen. 1985 wurde darüber hinaus bei Werrich von einem ehrenamtlichen Mitarbeiter des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege ein fränkisches Keramikbruchstück aus dem 9. Jahrhundert, also aus karolingischer Zeit, entdeckt.3
Wie die NRZ am 23. April 2021 berichtete fand im Frühjahr 2020 ein Sondengänger in Büderich das Grab einer wohlhabenden Fränkin aus der zweiten Hälfte des siebten Jahrhunderts. Das Grab enthielt neben bronzenen Schnallen, einer silbernen Amulettkapsel und einer Goldmünze mit Öse auch eine überaus reich verzierte goldene Fibel.
Die Funde stellen Belege für eine Siedlungskontinuität auch in fränkischer Zeit dar.

Mit dem zunehmenden Einfluss des Christentums und dem abklingen heidnischer Riten erlosch im 7. Jahrhundert die Sitte den Verstorbenen Grabbeigaben mitzugeben. Zudem brach die Belegung vieler Gräberfelder ab. Daher versiegt eine weitere Fundquelle der Archäologie.1

Der aus Northumbrien stammende angelsächsiche Missionar Willibrord und mit ihm Suitbert sowie zehn weitere Gefährten missionierten unter dem Schutz der fränkischen Hausmeier Pippin dem Mittleren und Karl Martell in den nördlichen Gebieten des fränkischen Herrschaftsgebietes, also in Friesland und am Niederrhein.4

Karl Martell, Grab in St. Denis
Foto: Wikimedia

Zu Beginn des 8. Jahrhunderts ging ein großer Teil des rechtsrheinischen Hattuariens an die benachbarten Sachsen verloren, ein weiteres Vordringen der Sachsen konnte aber von Karl Martell und Pippin dem Jüngeren in mehreren Feldzügen verhindert werden. Hattuarien zerfiel, während der linksrheinische Bereich den Namen behielt, gehörte der verbliebene rechtsrheinische Teil nun zum Ruhrgau, welcher später dem Land Rippuarien zugeordnet wurde.

751ging das Königtum der Franken vom Geschlecht der Merowinger auf die Karolinger über. Pippin der Jüngere wurde erster karolingischer König. Unter den Karolingern wurde eine Grafschaftsverfassung eingeführt und Hattuarien wurde somit spätestens zu Beginn des 9. Jahrhunderts zur Grafschaft.

Kaiser Karl der Große
Büste aus dem 14. Jh.
Foto: Wikimedia

König bzw. Kaiser Karl der Große überschritt in den Jahren 779, 784, 799 und 810 bei seinen Feldzügen gegen die Sachsen wenigstens viermal den Rhein im Mündungsgebiet der Lippe, also von Büdericher Gebiet auf die rechte Rheinseite. Rechtsrheinisch befand sich zu dieser Zeit eine Siedlung namens Lippeham. Anders als früher angenommen und heute noch oft zu lesen ist, befand sich die Lippemündung nicht im Bereich von Flüren, sondern wie zu römischer und heutiger Zeit zwischen Fusternberg und Friedrichsfeld. Von daher könnte es sich bei Lippeham um eine Vorläufersiedlung Wesels handeln.3

Nach dem Tod Kaiser Karls im Jahre 814 wurde sein Sohn Ludwig der Fromme sein Nachfolger. 843, drei Jahre nach Ludwigs Tod, wurde das das Reich im Vertrag von Verdun unter seinen drei überlebenden Söhnen geteilt. Lothar erhielt das später Mittelreich genannte Lotharii Regnum und die Kaiserwürde, Karl der Kahle das Westfrankenreich, aus dem später Frankreich hervorgehen sollte und Ludwig der Deutsche das Ostfrankenreich, aus dem das Heilige Römische Reich, die Keimzelle Deutschlands, hervorging.

Ludwig der Deutsche kniet am Kreuz Christi
Ludwigspsalter aus dem 9. Jh.
Quelle: Wikimedia

Der Niederrhein gehörte zunächst zum Reich Lothars, also zum Mittelreich. Nach dem Tod seines Sohnes, Lohars II., im Jahre 869 wurde das vom Mittelreich verbliebene Lotharingien 870 zwischen seinen Onkeln aufgeteilt. Den östlichen Teil Lotharingiens und damit auch die niederrheinischen Gebiete erhielt der ostfränkische König Ludwig der Deutsche.

Wenige Jahre nach dem Herrschaftsantritt Kaiser Otto I. kam es zu Auseinandersetzungen innerhalb der Königsfamilie. In diesem Zuge kam es im Jahre 939 zwischen den heutigen Orten Birten und Ginderich zur Schlacht, in der Otto über seinen Bruder Heinrich und den lothringischen Herzog Giselbrecht siegte.3

Um 1020 wurden am Niederrhein zwischen Rhein und Maas von Kaiser Heinrich II. Gebiete an zwei aus dem flämischen Hennegau stammende Brüder als Lehen geben. Rutger Flamens gilt als erster Graf von Kleve, sein Bruder Gerhard Flamens als Stammvater der Grafen von Wassenberg, der späteren Grafen und Herzöge von Geldern.
Beide Grafschaften bzw. Herzogtümer sollten die Geschichte des Niederrheins der folgenden Jahrhunderte entscheidend prägen.

Marcus Abram
 

Im folgenden Kapitel wird die Stadtwerdung Büderichs thematisiert.

Quellen:

  1. Renate Pirling: Die Merowingerzeit am Niederrhein IN: Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern. Band 14. Linker Niederrhein: Krefeld - Xanten - Kleve, Mainz, 1969, ISBN 3-8053-0129-4, S. 66-74
  2. Detlef von Detten: Die Rheinaue Borth-Wallach. Genese einer Kulturlandschaft IN: Das Erbenbuch der Deichschau Borth-Wallach. Eine Landschaftsaufnahme von 1580, Selbstverlag des Kreisarchivs Wesel, 1994
  3. Clive Bridger: Römerzeit und Frühmittelalter auf Gindericher Gebiet, IN: Römer, Wallfahrt, Landwirtschaft. Zwei Jahrtausende Gindericher Geschichte, Selbstverlag des Stadtarchiv Wesels, 2000, ISBN 3-924380-18-X
  4. Arnold Angenendt: Die Merowinger- und Karolingerzeit, vom 5. bis zur Mitte der 10. Jahrhunderts, IN: Zwei Jahrtausende Geschichte der Kirche am Niederrhein, Dialogverlag, 1998, ISBN 3-933144-02-7