Die letzten Jahre Alt-Büderichs vor der Zerstörung 1813

1794 - 1813 - Büderich unter französischer Verwaltung

Jean-Baptiste Joerdan
1794 - preußische und österreichische Stellungen; Quelle: Stadtarchiv Wesel

1794 rückten französische Revolutionsheere bis an den Rhein vor.
Nachdem bereits im Oktober 1794 einzelne Gefechte zwischen Preußen und Österreichern einerseits und Franzosen andererseits stattgefunden hatten, setzten vor dem Hintergrund herannahender größerer französischer Einheiten drei- bis viertausend Österreicher am 6. und 8. November über den Rhein nach Büderich und errichteten hier Stellungen aus eiligst angelegten Gräben und Erdwällen, um so die Stadt notdürftig zu befestigen. Preußische Sellungen auf der Büdericher Insel deckten die Stellungen der Österrreicher. Am 9. November kam es zum Gefecht zwischen Österreichern und französischen Truppen unter General Jourdan, die den ganzen Tag andauerten. Noch am Abend wurden die Verbündeten Österreicher und Preußen aber über den Rhein zurückgedrängt. Die Stadt wurde daraufhin einer zweistündigen Plünderung ausgesetzt und die Kirche für ein halbes Jahr als Pferdestall genutzt. Die entstandenen Schäden beliefen sich auf 7.331 Reichstaler und 9 Stüber.1
Der damalige katholische Pfarrer Büderichs Arnold Rechtmann beschrieb das Geschehen des Tages wie folgt:
1794 den 9. November waren die Oesterreicher hier. Des Morgens um 6 Uhr wurden sie von den Franzosen überfallen und wieder über den Rhein zurückgetrieben. Die Kanonade dauerte bis Abends 6 Uhr. Da erst hörte das Blutvergiessen auf. An diesem schrecklichen Tage wurde ich ganz ausgeplündert. Unsere Kirche wurde zu einem Pferdestall gemacht. Es dauerte schier ein halbes Jahr, bis man den Gottesdienst, aber nur in der Stille und ohne mit den Glocken zu läuten, wieder beginnen konnte.2

Die Bevölkerung hatte unter den zu leistenden Diensten und Abgaben sowie der Einquartierung von 1,5 Kompanien zu leiden.
Die Bürger Büderichs mussten zudem in den ersten Jahren der Besatzung die französische Armee versorgen sowie Arbeitskräfte und Material für Schanzarbeiten stellen.

Napoleon Bonaparte und der Frieden von Lunéville;
französischen Medaille von 1801

1795 schloss Frankreich Frieden mit Preußen, 1797 mit Österreich. Preußen verzichtete hierbei auf das linksrheinische Territorium. 1801 wurde die Abtretung im Frieden von Lunéville festgeschrieben.1
Pfarrer Rechtmann schrieb hierzu folgendes nieder:
1798 wurden die Kirchenbücher den Pastoren abgefordert und mussten an die Municipalität abgeliefert werden. Da ich dieses nur kurze Zeit vorher vernommen hatte, so habe ich und mein Caplan Tag und Nacht zugebracht, um die Tauf-, Copulations- und Sterbe-Register abzuschreiben. Dieses Jahr haben wir noch beständig in Furcht und Schrecken zugebracht, weil man nichts Anderes absehen konnte, als solle die Religion gänzlich unterdrückt werden. Aller öffentlicher Gottesdienst war verboten, alle Kirchen-Güter, Einkünfte und Alles, was in der Kirche noch vorräthig war, wurden aufgeschrieben, die Papiere und Urkunden weggenommen. 1799 am 10. November stürzte der General Bonaparte das gottlose Directorium. Er wurde dann zum ersten Consul erwählt; und nun fing man an, bessere Zeiten zu erwarten.2

Am 19. Februar 1798 wurde eine neue zentralistische Verwaltungsstruktur nach französischem Vorbild eingeführt. Hierbei verlor Büderich seine städtische Rechtsstellung und wurde zur Mairie Büderich im Kanton Xanten des Arrondissement de Clèves im Département de la Roer.

Die Stellung des Bürgermeisters wurde geschwächt. Der nun ehrenamtliche Bürgermeister handelte fortan lediglich gemäß Weisungen übergeordneter Stellen. 1796, nach dem Tod des Bürgermeisters Overbruck, wurde das Amt provisorisch von Tillmann Cranen und Albert Friedrich Bach wahrgenommen, bis 1804 Johann Terlinden zum Bürgermeister bestellt wurde.

Die Kirchen mussten sich der staatlichen Kontrolle unterwerfen, die Pfarreinkünfte wurden ihnen 1798 entzogen. Die Pfarrer erhielten stattdessen nun ein Gehalt vom Staat. Die Kirchenorganisation wurde gemäß den Vorstellungen der neuen Herrscher umstrukturiert. Die kath. Pfarrei Büderich gehörte nun zum neu geschaffenen Bistum Aachen.1

Das Kloster Gertrudenthal wurde mit Erlass vom 9. Juni 1802 aufgelöst, der Besitz in Höhe von 500 Reichstalern vom Staat eingezogen. Die dazugehörigen 66 Morgen (rund 17 ha) umfassenden Ländereien wurden zugunsten der Kriegskasse veräußert. Der Rektor und die acht noch im Konvent lebenden Schwestern mussten diesen am 17. August 1802 verlassen und erhielten jeweils eine jährliche Rente von 500 Francs.
Bei den acht Schwestern handelte es sich um:
1. Johanna van Oy aus Büderich,
2. Augustina Pütz aus Cöln,
3. Walburgis Emminck aus Borken,
4. Constantia van Oy aus Büderich,
5. Theresia van Rechtem aus Büderich
6. Monica van Walmem aus Büderich
7. Helena Schauenberg aus Kloster Camp,
8. Clara Ackermans aus Xanten.


Nach Schoofs sind der Hochaltar sowie der Annenaltar der Klosterkirche in die Gindericher Pfarrkirche gekommen, während die beiden anderen Altäre, Orgel und Kirchenbänke der Büdericher Pfarrkirche zugewiesen wurden. Außerdem erhielt die Büdericher Pfarrkirche den Hochaltar und die Kanzel der Xantener Kapuzinerkirche.2

Napoleon Bonarparte 1812;
Gemäldeausschnitt von
Jacques-Louis David

Wie alle französischen Staatsbürger unterlagen auch hier die 20- bis 25-jährigen Männer der Wehrpflicht. Im Jahr 1800 sind 3, 1801 10 und 1802 11 Rekruten eingezogen worden. Für die folgenden Jahre liegen keine offiziellen Zahlen vor. Am 10. April 1811 sollen aber 28 und 1812 nochmals 17 Männer eingezogen worden sein, von denen viele in Napoleons Russlandfeldzug umkamen.1

Die Büdericher Insel wurde per Dekret vom 27. Oktober 1806
Teil des Roerdepartments

1804 krönte sich Napoleon zum Kaiser, bereits ein Jahr später baute Frankreich nach der gewonnenen Schlacht bei Austerlitz seine Macht weiter aus, indem der preußische gesandte Christian von Haugwitz den Vertrag von Schönbrunn unterzeichnen musste. Damit trat Preußen auch die verbliebenen rechtsrheinischen Gebiete des Herzogtums Kleve mit der Festung Wesel an Frankreich ab. Die Abtretung wurde am 15. Februar 1806 wirksam.

Noch im selben Jahr wurden die Pläne zum Ausbau der Festung Wesel beiderseits des Rheins vorangetrieben. So wurde der Gemeinde Büderich die Stadtsweide entzogen, um darauf die Zitadelle Napoleon zu errichten. Im folgenden Jahr erhielten die Bürger eine Ersatzweide bei Werrich, die aber aufgrund der Entfernung und der Qualität des Bodens kein adäquater Ersatz für die Büdericher darstellte, wovon besonders die auf die Weide angewiesenen ärmeren Bürger betroffen waren.

Münchener politische Zeitung, 28. Januar 1807

Andererseits sollen am Bau des Forts, derbis zum Jahr 1813 andauerte, tausende Arbeiter beschäftigt gewesen sein und die Arbeiten stellten sich zunächst als ein wirtschaftlicher Segen für die verarmte Stadt dar. So stieg die Zahl der Einwohner Büderichs zwischen 1799 und 1812 um rund 25% auf 1072 an. Es kamen nicht nur Bauhandwerker wie Maurer und Zimmerer, sondern auch Bäcker, Gastwirte, Schlächter sowie Handwerker für den übrigen alltäglichen Bedarf, darunter auch drei jüdische Familien.1 4

Pfarrer Rechtmann schrieb hierzu folgendes:
Der Bau schien ein wahrer Segen für Büderich zu werden. Tausende Menschen arbeiteten daran und verzehrten ein schreckliches Geld in Büderich. [...] Das Zusammenströmen so vieler fremden Arbeiter und der reiche Geldgewinn rief auch ein recht ungebundenes und üppiges Leben hervor. Jeden Sonntag wurde in mehren Wirthshäusern Tanz-Musik gehalten; und die Sittlichkeit nahm grossen Schaden. 2

1808 - Büderich mit den Citadellen Napoleon und Bonarparte
nicht ausgeführter Festungsplan, nach dem die Stadt Büderich in das Festungssystem integriert worden wäre

Die geplante Zitadelle Bonaparte auf der Büdericher Insel sollte den Kern der neuen Festungsanlage bilden, so dass von dort aus jederzeit eine Rückeroberung der rechtsrheinischen Festung Wesel oder aber der Zitadelle Napoleon auf der linken Rheinseite möglich wäre. Dieser Plan wurde jedoch nie umgesetzt, obwohl Napoleon dieser sehr am Herzen lag, wie aus seinem Schreiben vom 7. März 1809 hervorgeht:

La Citadelle Bonaparte semble la partie la plus forte de la Place de Wesel, et les choses ont été arrangées pour que la Citadelle de Wesel, la Citadelle Bonaparte et la Citadelle Napoleon forme(nt) une place très torte. Ainsi l'ennemi ne s'amusera pas à prendre la Ville, puisqu'apres l'avoir prise il n'aura rien du tout. S'il attaque la Citadelle Napoleon il faut que la Citadelle Bonaparte soit tellement élevée que ses ouvrages battent l'ennemi dans la Citadelle Napoleon, dans ce cas ou reste toujours maître de la Place de Wesel, de la Citadelle et de l'Isle de Büderich. Si l'ennemi attaque la Citadelle de Wesel, la Citadelle Bonaparte doit avoir des feux tellement dominans sur la Citadelle de Wesel, qu'on ait encore une Place avec la Citadelle Napoleon et de l'Isle de Büderich.

Die Zitadelle Bonaparte scheint der stärkste Teil der Festung Wesel zu sein, und die Dinge wurden so angeordnet, dass die Zitadelle von Wesel, die Citadelle Bonaparte und die Citadelle Napoleon einen sehr guten Ort bilden. Somit wird der Feind keinen Spaß daran haben, die Stadt einzunehmen, da er nach der Einnahme überhaupt nichts mehr haben wird. Wenn er die Citadelle Napoleon angreift, muss die Citadelle Bonaparte so hoch sein, dass seine Werke den Feind in der Citadelle Napoleon besiegen. In diesem Fall bleibt er immer Herr über die Festung Wesel, die Zitadelle und die Insel Büderich. Wenn der Feind die Zitadelle von Wesel angreift, muss die Zitadelle Bonaparte so dominante Brände auf der Zitadelle von Wesel haben, dass wir immer noch einen Platz bei der Zitadelle Napoleon und der Insel Büderich haben.

Stattdessen wurden 1806 nur drei geschlossene Feldschanzen auf der Büdericher Insel angelegt.6


Als Napoleon im Jahr 1811 bei seinem Heereszug gegen Russland hier durchkam und das Fort besichtigte, soll er bereits geäußert haben: „Dieses Nest da muß weg.“ 4

Theodor Tenbieg und Elisabeth Hadering beschrieben am 11. Februar 1812 in einem Brief an ihren Sohn Johann, der in Brest in der französischen Armee diente, den Besuch Napoleons in Büderich im Herbst 1811 und die Vorbereitungen dazu: Den verfloßenen Herbst haben wir die Ehre gehabt das unsere Landes Vatter Kayser Neapolion des abends hier ist durch gekommen, wo wir nach unserem Vermögen soviel Ehrenbogen gesetz und aluminit als wenn das gantze Städtgen ein Laterne war. Des anderen Tags ist er auf die Spietze von die Festung gangen und hat unser Gegend recht in Augenschein genohmen wo er hat gut gefunden das die Häuser am rein (Rhein) sollte abgebrochen werden und vielleicht Büderich auch, weil wir so nicht unter die Festung liegen. Oder wir werden mit einem Wahl (Wall) umgeben.

Des Weiteren beschreiben sie den Bau der neuen Landstraße:  Die neue Schosee (Chaussee - Landstraße) ist fertieg bis vor die Garten, aufs Früh Jahr wird man sehen wie er in Stadt herein kombt, den es muß alles grad seyn, die Hagel Kreutz Baum seynd hinweg und viel Land vergraben, und Stück aus die Hesewing sind zwey Theil vergraben.5

Den gesamten erhaltenen Briefwechsel können Sie hier nachlesen.
 

Der Reisende Jean Charles Francois Baron de Ladoucette schrieb 1813: Man arbeitet mit unglaublicher Aktivität an den Befestigungen, die Wesel sogar auf der rechten Rheinseite umgeben, den Befestigungen der Insel, die von Büderich durch einen künstlichen Kanal getrennt ist, worin ein Rheinarm fließt, und endlich dieser letzteren Stadt selbst auf der linken Rheinseite.
Dieses System ist umsomehr würdig des Lobes, als keine gleich starke Garnison mehr existiert, wenn man an einen Kavalleriestandort an dem Fluß denkt, dessen Breite hier zwei Kilometer beträgt.
Wenn sich das Kriegstheater diesen Orten nähert, fürtet man, gezwungen zu sein, einen Vorort von Wesel und fast die ganze kleine Stadt Büderich zerstören zu müssen. Die französische Regierung leistet in weitem Rahmen Schadensersatz, wenn die öffentliche Notwendigkeit zur Enteignung besteht. Ich würde ein Gelübde darauf wagen. Falls man eines Tages die traurigen Häuser von Büderich abreissen würde, und sie nach einem regelmässigen Plan weit genug von den Befestigungsanlagen entfernt wieder aufbauen würde, könnte es im Zentrum einer fruchtbaren Landschaft und an den Ufern des Rheins gelegen zu einem Ort großen Wohlstandes werden.
Es war im Gespräch, in Wesel eine Steinbrücke zu errichten. Die Fachleute haben jedoch erklärt, daß trotz aller Vorsichtsmaßnahmen die man ergreifen könnte, die Brücke Gefahr liefe, durch enormen Eisgang, der manchmal plötzlich in einer Höhe von 40 bis 60 Fuß auftritt, zerstört zu werden. Man hat sich daher für eine Schiffs-Brücke entschieden. Der Zufall hat mich begünstigt und ich kann Ihnen Einzelheiten der Gegenstände, die dazu notwendig sind, beschreiben. Inzwischen bedient man sich in Wesel einer fliegenden Brücke. Als ich mich dorthinbegeben habe, hatte ich das Vergnügen, den Rhein in einem Boot zu überqueren, das von Pionieren gesteuert wurde, die der Gewalt eines starken Sturmes trotzten.
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Nepoleons Befehl zur Zerstörung Büderichs vom 6. Dezember 1813

Bereits im selben Jahr erhielten die Befestigungsanlagen in Wesel und Büderich eine besondere Bedeutung, da sich Napoleons Truppen nach dem Russlandfeldzug und der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 auf dem Rückzug und die Verbündeten seit Ende November 1813 auf dem Vormarsch auf die Festung Wesel befanden. Aus fortifikatorischen Gründen sollte Büderich, das zu nah am Fort lag, nun in der Tat dem Erdboden gleichgemacht werden. Gerüchte hierzu gab es wohl schon ab November, da ab dem 5. November in Wesel mit Massnahmen zur Räumung des Schussfeldes begonnen wurde. Den Befehl zur Zerstörung Büderichs unterzeichnete Napoleon schließlich am 6. Dezember 1813, der zwei Tage darauf Kriegskommissar Rivaud in Wesel erreichte. Am 11. wurden die Bewohner darüber in Kenntnis gesetzt, dass sie innerhalb von zwei Tagen den Ort zu verlassen hatten. Noch am selben Tag begann die Abschätzung der innerstädtischen Gebäude und Garten durch Kriegskommissar Rivaud, den Offizieren Moret und Poupard sowie den zwei Baukundigen Büderichern Johann Matthias Spelthahn und Bartholomäus Deckers. Diese Arbeiten dauerten bis zum 16. Dezember, der Wert der Gebäude und Gärten wurde auf 799.492,21 Francs taxiert. Nach Ablauf der Frist wurde mit dem Abbruch begonnen. Am 19., dem 4. Advent fand noch ein letzter Gottesdienst in der Kirche statt, bevor die letzten Bauten Mitte Januar 1814 gesprengt wurden.1 4

Die Büdericher versuchten eiligst ihre Habe mit eigenen und geliehenen Fuhrwerken in die benachbarten Orte in Sicherheit zu bringen. Was nicht in Sicherheit gebracht werden konnte, wurde in Wesel verkauft. Viele Weseler nutzten auch die Gunst der Stunde und kamen über den Rhein um den Büderichern ihr Vieh abzukaufen.6

Stadtschelle Büderichs, mit der der Stadtbote
die Nachricht der bevorstehenden Räumung
und Zerstörung durch Ausruf bekanntgab
Quelle: Stadtarchiv


Pfarrer Rechtmann überlieferte auch diese letzten Tage vor der völligen Zerstörung für die Nachwelt:

Plötzlich kam der Befehl, das Fort Napoleon, anstatt die Wälle mit Steinen aufzumauern, mit Erdwerken zu erhöhen und belagerungsfähig zu machen. Nun kam auch der Tag des Schreckens für uns, wo wir wegen des Baues des Fort Napoleon blutige Thränen vergiessen sollten. Am 11. Dezember 1813 wurde durch den Stadtboten durch öffentlichen Strassenruf bekannt gemacht, dass das Gouvernement zu Paris befohlen habe, weil die Stadt Büderich zu nahe bei dem Fort Napoleon liege, so solle Jeder sein Haus räumen und mit Habe und Gut anderswo einen bleibenden Platz suchen. Es lässt sich leicht denken, in welchen Schrecken und grosse Trauer darüber die ganze Bürgerschaft versetzt wurde.
Am 13. Dezember rückten 150 Mann mit Aexten, Beilen und Brecheisen in die unglückliche, wehklagende Stadt ein und machten den Anfang, dieselbe niederzureissen. Abends 4 Uhr wurde dem Pfarrer der Befehl zugestellt, noch in der nämlichen Nacht die Kirche gänzlich auszuräumen und am folgenden Morgen um 8 Uhr die Schlüssel auszuliefern. Es waren in der Kirche drei Altäre, nämlich der Hochaltar, der Muttergottes-Altar und der Herz Jesu-Altar, eine kostbare Orgel und Kanzel ausser den Bänken und übrigen Gegenständen, die zum Gottesdienste benutzt worden. Das Alles sollte in einer Nacht ausgeräumt werden. Dazu hatte der Pfarrer keine Hülfe als allein von seinem treuen Küster, weil alle Bürger mit den eigenen Sachen so viel zu thun hatten, dass von ihnen keine Hülfe erlangt werden konnte. Es kamen jedoch von Ginderich einige Zimmerleute, welche die Altäre und die Orgel abbrechen halfen. Man rettete nun so viel möglich war, und brachte es nach Gest und Xanten in Sicherheit. Der Pfarrer von Xanten schickte auch einige Fuhren und Arbeiter, welche halfen, die Altäre, Orgel, Beichtstühle, Canzel und andere Geräthe nach Xanten zu bringen. Auch die Glocken wurden aus dem Thurme gewunden und nach Xanten in Sicherheit gebracht. Wie der Pfarrer sich um die Ausräumung der Kirche mühte, so waren alle Bürger und Einwohner in rastloser Thätigkeit mit Ausräumung ihrer Häuser und Scheunen. Während dessen waren auch die Franzosen damit beschäftigt, die Stadt zu zerstören und fingen schon an, den Thurm abzubrechen. Wir hatten noch einen kleinen Altar in unserer ganz verwüsteten Sacristei stehen gelassen, um Gott täglich noch das heilige Opfer darzubringen und ihn um Gnade und Barmherzigkeit anzurufen. Wie aber die siegreichen Heere der Verbündeten die Franzosen immer mehr und mehr zurückdrängten, und endlich im Oberlande schon über den Rhein gingen, wurde auch die Zerstörung Büderich's beschleunigt. Sonntag den 19. December oder am vierten Advents-Sonntage, habe ich zum letzten Male die heilige Messe in der verwüsteten Kirche gelesen. Alle Menschen lagen mit ausgestreckten Armen auf den Knieen und riefen, die Augen voll Thränen, den Himmel um Erbarmen an. Allein wir wurden wegen unserer Sünden nicht erhört. Weinend und klagend gingen wir aus der Kirche und mussten das Gotteshaus der gänzlichen Zerstörung preisgeben. Von nun an fing das Flüchten der Einwohner an. Ich ging nach Menzelen zum Pastor, der mich freundlich eingeladen hatte. Andere gingen nach Ginderich, Gest, Borth, Rheinberg, Alpen, Birten, Xanten und anderen Orten. Jetzt fing die gänzliche Zerstörung an. Was der Axt und dem Feuer Widerstand leistete, musste der Gewalt des Pulvers weichen. Im vollen Sinne des Wortes ist von Büderich kein Stein auf dem andern geblieben.
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Marcus Abram

Lesen Sie im folgenden Kapitel wie der Bau Neu-Büderichs organisiert wurde.

 

Quellen:

  1. Jörg Lorenz: Dem Erdboden gleichgemacht. Zeugnisse zur Geschichte der alten Stadt Büderich. Weseler Museumsschriften Band 25. Rheinland-Verlag, Wesel, 1989, ISBN 3-7927-1119-2 S. 65-71
  2. Johann Heinrich Schoofs: Geschichte der katholischen Gemeinde in Büderich, von den Tagen der Reformation bis auf die neueste Zeit, nach den Acten des Pfarrarchivs und des Dekanatsarchivs Xanten, Wesel, 1880 S. 164-177
  3. Erich Wolsing: Wesel in Büchern und Berichten vom 16. bis 19. Jahrhundert, Historische Vereinigung Wesel, 1991, S. 115-116
  4. Martin Wilhelm Roelen, Margret Wensky: Untergang und Neubeginn - vom alten und neuen Büderich, Selbstverlag des Stadtarchiv Wesels, 2013, ISBN 978-3-924380-30-4 S. 59-72
  5. Sammlung Ballmann: Schriftwechsel Tenbieg
  6. Hermann Heimhalt: Die Blockade der Festung Wesel vom November 1813 bis 10. Mai 1814, Wesel, 1895 S. 4, 9