Büderich zur Zeit der Weimarer Republik

1919-1932

Belgische Soldaten treten auf dem Büdericher Markt an

Nachdem es am 11. November 1918 in Compiègne (Frankreich) zu einem Waffenstillstandsabkommen zwischen dem Deutschen Reich und den Westmächten Frankreich und Großbritannien gekommen war, musste sich die Reichswehr auf die rechte Rheinseite zurückziehen. Die linke Rheinseite wurde in drei Besatzungszonen aufgeteilt, Büderich lag in Zone 1 und wurde von der belgischen Armee besetzt.

Die Büdericher Bevölkerung wurde mit der Ortsschelle über die bevorstehende Besatzung informiert. Am 14. Dezember 1918 kamen ein belgischer Offizier mit zwei Soldaten zum Rathaus kurz darauf folgten erste Einheiten. In den folgenden Wochen zogen ständig Einheiten durch.

Mittels Plakatanschlägen wurde die Bevölkerung angewiesen ihre Waffen abzuliefern, an den Haustüren Namenslisten mit den Bewohnern anzubringen, Pässe bei sich zu führen, Verzeichnisse über Militärangehörige zu erstellen. Pferde, Brieftauben und Fotoapparate waren zu melden, ebenso Fahrräder, Motorräder, Kraftfahrzeuge, Kutschen und Karren. Die Kirchen mussten Verzeichnisse über ihre Bücher anlegen. Darüber hinaus waren Gräberlisten und Lagepläne der Gräber sowohl von deutschen und verbündeten als auch von gegnerischen Soldaten anzufertigen.

Belgische Soldaten auf der Eisenbahnbrücke

Strategisch war Büderich aufgrund der beiden Rheinbrücken, der damals nördlichsten in Deutschland, für die Belgier von besonderer Bedeutung. Die stärke der Besatzung lag in den folgenden Jahren in der Regel bei 25 Offizieren, 60 Unteroffizieren und 1000 Mannschaftsdienstgraden. Zwischenzeitlich mussten aber auch 6000 Soldaten einquartiert werden, so vom 18. Juni 1919 bis zum 3. Juli 1919 und vom 12. Mai 1921 bis zum 19. Juli 1921. Vom 19. Juli bis zum 13. September 1921 lag die Zahl bei 3000 Soldaten.1 2


Die hohe Zahl im Juni 1919 ist damit zu erklären, dass der Versailler Vertrag zur Ratifizierung anstand, es wurde offen damit gedroht den Rhein zu überschreiten, sollte der Vertrag nicht unterzeichnet werden.
Am 22. Juni 1919 stimmte die Nationalversammlung mehrheitlich der Unterzeichnung zu, um schlimmeres zu vermeiden. Am 28. Juni wurde der Vertrag von Außenminister Hermann Müller (SPD) und Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum) unter Protest unterzeichnet.

Die Siegermächte hatten unterschiedliche Vorstellungen über die Bedingungen eines Friedensvertrages. Während Frankreich Deutschland militärisch wie wirtschaftlich entscheidend schwächen wollte, war anderen Regierungen bewusst, dass ein ungerechter Friede die Gefahr für den Keim eines neuen Krieges in sich trug. Letztlich setzte sich Frankreich mit seinen für Deutschland sehr harten Bedingungen weitgehend durch. So erlitt Deutschland umfangreiche Gebietsverluste, im Westen wurde Elsaß-Lothrigen wieder an Frankreich abgetreten, die Kreise Eupen und Malmedy an Belgien, das Saarland wurde unter die Verwaltung des neu gebildeten Völkerbundes gestellt. Im Osten wurde ein neuer polnischer Staat gebildet. Danzig wurde freie Stadt, Nordschleswig wurde an Dänemark abgetreten, das sogenannte Hultschiner Ländchen an die neugebildete Tschechoslowakei. Das Memelgebiet wurde unter die Verwaltung des Völkerbundes gestellt. Es wurden sehr hohe Reparationszahlungen festgelegt, die Größe der Reichswehr drastisch beschnitten, die Handelsflotte reduziert. Das linksrheinische Gebiet wurde, wie bereits im Waffenstillstand vereinbart, entmilitarisiert und auf Jahre besetzt. Die Kolonien wurden abgetreten. Darüber hinaus wurde in dem Vertrag Deutschland die alleinige Kriegsschuld zugesprochen, was in Deutschland als zutiefst ungerecht empfunden wurde. Vor allem dieser Punkt führte in der Folge immer wieder zu Auseinandersetzungen und zu Angriffen von rechtsgerichteten Parteien auf die demokratischen Parteien der Mitte, die genötigt waren diesen Vertrag zu unterzeichnen.

Die Vereinigten Staaten von Amerika waren mit den Bedingungen des Vertrages nicht einverstanden, sie schlossen 20. Mai 1921 einen Separatfrieden mit Deutschland. 3 4

Belgische Soldaten in Büderich


Für die große Zahl der Soldaten reichten die Unterkünfte in den beiden Anlagen Fort Blücher und Fort I. nicht aus. Die Soldaten wurden auch in Schulen, Gaststätten, Werkstätten, Scheunen und Privathäusern einquartiert, wobei sich die Belgier selbst ihre Unterkünfte aussuchten. Vor allem Offiziere und Unteroffiziere suchten sich Unterkünfte in rund 60 Privathäusern.

Im Auftrag der Belgier errichteter Häuserblock an der Rheinstraße
(heute Rheinallee)

An der damaligen Rheinstraße, heute Rheinallee, wurde ein aus fünf Häusern bestehender Block errichtet, in dem neun Offizierswohnungen mit "hochherrschaftlicher Einrichtung" geschaffen wurden. Der Wert soll ca. 150.000 Goldmark betragen haben.
Auf dem Gelände von Fort Blücher und auf der Büdericher Insel wurden eine Reihe von Neubauten errichtet und bestehende Gebäude umgebaut, darunter auch viele Einrichtungen die dem Komfort dienten, wie ein Offizierskasino und eine Badeanstalt. Der Saal des Gasthofes Heicks (später van Gelder) diente als Kino, die Kinderverwahrschule des Krankenhauses als Spiel- und Lesesaal mit Kegelbahn.
Auch am Bahnhof wurden Gebäude neu- und umgebaut.
Die Fortanlagen wurden zum Teil entfestigt und stattdessen mit Zäunen versehen.

In den umliegenden Orten wurde Artillerie stationiert. Auf der Büdericher Insel wurde mit scharfer Munition geübt. Darüber hinaus übte auch die Artillerie einige Male mit scharfer Munition und schoss von Menzelen aus in die Nähe von Perrich.

Neben den vielfältigen Einschränkungen der persönlichen Freiheiten, wie Hausdurchsuchungen, Polizeistunde, Kraftfahrzeugverbot zur anderen Rheinseite, Radioverbot, Niederlassungsverbot, Zensur der Presse und Besetzung des Telegrafen- und Fernsprechamtes kam es immer wieder auch zu Einbrüchen, Diebstählen und zu schweren und schwersten Übergriffen einzelner Besatzungssoldaten gegenüber der Bevölkerung.1 2

Protokoll der Gründungsversammlung des BSV vom 19. März 1919
Gründungsmannschaft des BSV im Jahr 1919


Trotz der beschriebenen Einschränkungen kam es am 19. März 1919 zur Gründung des Büdericher Spielvereins, hierzu trafen sich um 19 Uhr an der Marktstraße bei Ingendoh in der Küche 19 junge Männer. Erster Vorsitzender wurde Albert Biesemann. Viel Zeit blieb nicht zur Gründungsversammlung, mussten doch bereits un 22 Uhr aufgrund der Polizeistunde wieder daheim sein.5


Im Januar 1920 hatte sowohl die Bevölkerung als auch die belgische Besatzung mit dem Hochwasser des Rheins zu kämpfen.
Am 14. Januar 1920 wurde Pfarrer Theodor Bergmann in die katholische Gemeinde eingeführt, und ein paar Tage später brachte der Rhein ein Hochwasser. Am 15. Januar stand das Wasser schon in einigen Straßen, am 16. begann es im Keller zu steigen und am 17. standen wir ganz im Wasser. Die Schweine wurden im Badezimmer untergebracht. Für die Hühner gab es ein Quartier auf dem Speicher. So berichtet es die Chronik des Marienkrankenhauses.
Am 18. Januar begann das Wasser dann wieder zu fallen. Die Keller konnten erst nach drei Wochen wieder betreten werden.6


 

New York Times berichtete am 25. März 1920 über den Zwischenfall in Büderich

Um den rechtsgerichteten Kapp-Putsch vom 12. März 1920 abzuwehren, kam es im Ruhrgebiet zu einem Arbeiteraufstand. Dieser wiederum wurde dann von linksgerichteten Kräften, der sogenannten Roten Ruhrarmee,  genutzt um die politische Macht an sich zu reißen. Der Aufstand wurde schließlich durch Einheiten der Reichswehr und von Freikorps niedergeschlagen.7
Im Zuge der Auseinandersetzungen wurde am 23./24. März 1920 auch die Zitadelle Wesel von der Roten Ruhrarmee angegriffen. Verwundete der Reichswehr flüchteten sich auf die linke Rheinseite nach Büderich. In der Chronik des Marienkrankenhauses heißt es:
Der 23. März hatte eine große Überraschung bereit. Verwundete der Reichswehr, die gegen die Spartakisten gekämpft hatten, wurden hier eingeliefert. Die Belgier hatten erlaubt bei Gefahr auf der linken Rheinseite Schutz zu suchen. Davon hatten sie dann auch fleißig Gebrauch gemacht. Am ersten Abend hatten wir 41 Mann ohne eine Reihe von Flüchtigen aus der Gegend von Hamborn. Für einige Tage wurde unser Haus eine sogenannte Durchgangsstation. Es waren Schwerverwundete darunter, die bald an größere Häuser zur weiteren Verpflegung überwiesen wurden.6
Über die Vorkommnisse berichtete auch die internationale Presse, wie z.B. die New York Times.


Da die Reichsregierung 1923 nicht mehr in der Lage war die Reparationszahlungen zu leisten, besetzten Frankreich und Belgien das Ruhrgebiet, um so ersatweise Zugriff auf die Produktion von Kohle und Stahl zu haben. Der parteilose Reichskanzler Wilhelm Cuno rief zum passiven Widerstand, also zum Generalstreik, auf. Den streikenden Arbeitern versprach er finanzielle Hilfe. In der Folge kam es zur Hyperinflation. Reichskanzler Gustav Stresemann verkündete am 26. September 1923 das Ende des den sogenannten Ruhrkampfs und führte eine Währungsreform durch. Damit schuf er die Basis für Neuverhandlungen der Reparationen. Auch auf Druck der USA und Großbritanniens zogen sich Franzosen und Belgier im Juli und August 1925 aus den rechtsrheinischen Gebieten zurück.8 9

 

Neues Rathaus um 1930; Quelle: Wilhelm Wolf

Erstaunlicherweise war die Gemeinde Büderich trotz dieser Rahmenbedingungen in der Lage 1924 das bereits über zehn Jahre zuvor geplante neue Rathaus am Markt zu bauen.

Im selben Jahr wurde eine Ortsgruppe des von den Parteien der Weimarer Koalition aus SPD, Zentrum und DDP getragenen Wehrverbandes Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold gegründet. Mitbegründer war der spätere CDU-Politiker Martin Heix.10
 

Im Januar 1926 führte der Rhein ein extremes Hochwasser, die Häuser Büderichs standen unter Wasser, die Leute flüchteten sich in die Obergeschosse und nahmen auch das Kleinvieh mit hinauf. Auch die über einen höheren Sockel verfügende katholische Kirche diente als Notquartier.
Der Deich an der Chaussee erwies sich als wirkungslos, das Wasser lief quasi von hinten in den Ort, also von Werrich aus kommend.

Am 31. Januar zogen die letzten belgischen Besatzungssoldaten ab.


 

Eisenbahnbrücke, Austausch der Stahlkonstruktion
Eisenbahnbrücke im Jahr 1927

Um die Tragfähigkeit der Eisenbahnbrücke zu erhöhen wurde 1926/1927 die Stahlkonstruktion ersetzt.

Die Sterberegister der Gemeinde zeigen, dass gegen Ende der 20er Jahre die Sterblichkeit deutlich sank. Besonders hoch hatte diese während der Kriegsjahre und - vermutlich durch die Spanische Grippe - in den Jahren direkt nach dem Ersten Weltkrieg gelegen. Sicherlich trug in den Folgejahren der medizinische wie auch der hygienische Fortschritt zu einer geringeren Sterblichkeit bei.11

1929 wurde die Büdericher Insel der Stadt Wesel zugeordnet.

Glockenweihe der kath. Kirche St. Peter am 27. Juli 1930

1930 wurde die neue Glocke der ev. Kirche eingeweiht. Auch die katholische Kirche weihte eine neue Glocke als Ersatz für die im Ersten Weltkrieg eingeschmolzene Glocke ein.
1930 wurde zudem in Ginderich eine neue kath. Volksschule mit vier Klassen gebaut.

1932 wurde am Ende der Sichtachse Rheinallee, Marktstraße, Markt das Kriegerdenkmal nach Plänen des Weseler Bildhauers Spohr von der Steinmetzfirma H. Lauer unter ehrenamtlicher Mitwirkung Büdericher Bürger errichtet. Das aus bayerischem Muschelkalk gefertigte Denkmal stellt einen knienden Soldaten mit einer zum Zeichen der Trauer gesenkten Fahne dar. Bereits 1923 hatte sich ein Denkmalausschuss gebildet, der die notwendigen Mittel sammelte und sich um die Organisation kümmerte.12

Mit Beginn der Weimarer Republik hatte das Dreiklassenwahlrecht ausgedient. Die Meistbegüterten waren zuvor überproportional stark im Gemeinderat vertreten, was dazu führte, dass nun die Mehrheit im Rat von Büderichen gestellt wurde, zuvor stellten die Vertreter des Wahlkreises Ginderich die Mehrheit. Auch wenn nur für das Ende der Weimarer Republik die Parteizugehörigkeit der Ratsmitglieder bekannt ist, so kann doch davon ausgegangen werden, dass das Zentrum eine unangefochtene Stellung inne hatte. So gehörten ab dem 17. November 1929 elf Ratsmitglieder dem Zentrum an, fünf dem Mittelstand und zwei der SPD.13

 

Marcus Abram

Quellen:

  1. Wilhelm Wolf: Gemeinde Büderich im Weltkrieg und in der Besatzungszeit, Büderich (Kreis Moers) bei Wesel, 1933, S. 56-66
  2. Elfriede Ballmann: Belgische Besatzungszeit IN Unsere Heimat, Heimatverein Büderich und Gest e.V., Heft 4, 1986
  3. Wikipedia: Friedensvertrag von Versailles
  4. Wikipedia: Deutsche Reparationen nach dem Ersten Weltkrieg
  5. Hans-Josef Hackstein et al.: 100 Jahre Büdericher Spielverein 1919 e.V. Jubiläumschronik, Büdericher Spielverein 1919 e.V., 2019
  6. Bernd Nettelbusch: Chronik des Marienhauses, Krankenhaus zu Büderich 1866, Filiale der Armen Dienstmägde Christi aus Dernbach bis nach dem 2. Weltkrieg IN Unsere Heimat, Heimatverein Büderich und Gest e.V., Heft 13, 1995
  7. Wikipedia: Ruhraufstand
  8. Wikipedia: Ruhrbesetzung
  9. Wikipedia: Hyperinflation des Jahres 1923
  10. Wikipedia: Martin Heix
  11. Landesarchiv NRW: Sterberegister
  12. Historische Vereinigung Wesel e.V.: Mitteilungen der Historischen Vereinigung Wesel e.V. Nr. 85, März 1998
  13. Martin Wilhelm Roelen [Hrsg.]: Römer, Wallfahrt, Landwirtschaft. Zwei Jahrtausende Gindericher Geschichte. Studien und Quellen zur Geschichte von Wesel, 23. Selbstverlag des Stadtarchivs Wesel, 2000, ISBN 3-924380-18-X; S. 141