Zeitreise Büderich

Büderich als Stadtteil Wesels

1975 - 2022

Unmittelbar nach der Eingemeindung wurden die meisten Straßen des Büdericher Ortskerns die der Rheinstraße sowie die Namen der Straßen im heutigen Flüsseviertel umbenannte, da die Straßennamen auch in Wesel vorkamen. Der Sender Büderich wurde in Sender Wesel umbenannt.1 Darüber hinaus hielt man es in Wesel nicht für nötig ein neues Stadtwappen zu erstellen, das auch Bestandteile der eingemeindeten Orte enthielt, wie es in vielen anderen Städten übliche Praxis war.

Die Büdericher Filiale der Kreissparkasse Moers wurde von der Verbandssparkasse Wesel übernommen, die Volksbank Alpen und die Spar- und Darlehenskasse Büderich schlossen sich zusammen und bildeten den Kern der späteren Volksbank Niederrhein.

Mit dem Schuljahr 1976/77 wurde die Gemeinschafts-Hauptschule Büderich an der Rheinallee aufgelöst, die Schüler mussten nun zur Rheinbabanschule nach Wesel fahren.1 Das an der Schulstraße geplante Schulzentrum wurde nicht gebaut.

Zwischen 1975 und 1979 wurden abermals umfangreiche Erneuerungsarbeiten an der Pfarrkirche St. Peter durchgeführt.3
Etwa zur gleichen Zeit erhielt die Grundschule eine dringend benötigte Erweitung. 1978 wurde die Sportanlage am Deich um einen Rasenplatz erweitert,4 die Schützenwiese wurde ebenfalls hierher verlagert. Das noch von der Gemeinde Büderich in Angriff genommene Feuerwehrgerätehaus wurde eingeweiht.

1980 wurde in der Kronenbrauerei Hardering zum letzten Mal Bier gebraut.1


Die oben beschriebenen Namensänderungen, die Schließung der Schule und der Verzicht auf den Bau eines neuen Schulzentrums in Büderich kamen bei der örtlichen Bevölkerung naturgemäß nicht gut an, erklären aber die darauf folgende oft beklagte Abwehrhaltung gegen die Weseler Politik und Verwaltung.
Im weiteren Verlauf der Geschichte suchten die Büdericher, die im Weseler Rat zahlenmäßig nur ein geringes Gewicht hatten, neue Wege der Partizipation.

Anfang der 1980er Jahre, es herrschte noch der kalte Krieg, sollte auf betreiben des Wehrbereichskommandos  neben den bereits bestehenden Panzerstraßen eine weitere auf der Bislicher Insel errichtet werden. Dabei sollte die traditionsreiche Büdericher Stadtsweide durchschnitten werden, was zu massiven Widerstand der 159 nutzungsberechtigten Bürger führte. Neben der Zerteilung der Weide fürchtete man Begehrlichkeiten der Kiesindustrie und den Verlust der gesamten Weide durch Auskiesung. Überlagert wurden beide Aspekte von einem dritten, dem in diesem Bereich unzureichenden Hochwasserschutz. Der nötige Deich wurde quasi als Druckmittel eingesetzt um die Panzerstraße durchzusetzen.

1984 wurde der Büdericher Ortskern unter Denkmalschutz gestellt. Die Stadt Wesel verabschiedete eine Satzung für den Denkmalbereich Neu-Büderich gemäß den Vorstellungen des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege.5
Vorausgegangen war eine heftige Auseinandersetzung, da die betroffenen Hauseigentümer Einschränkungen an ihrem Eigentum befürchteten. Ursächlich für den Widerstand waren sicherlich aber auch die oben genannten negativen Begleiterscheinungen in den ersten Jahren der Eingemeindung.

Gründungsmitglieder des Heimatvereins;
Anwesenheitsliste der Gründungsveranstaltung vom 20.Feb.1984

Nahezu zeitgleich mit der Ausarbeitung der Denkmalbereichssatzung bildete sich der Heimatverein Büderich und Gest e.V. Dieser trat für den Schutz des Büdericher Ortskerns ein, jedoch sollte dieser nicht über die Köpfe der betroffenen hinweg erlassen werden. Er bildete in dieser Zeit eine wichtige Schnittstelle zwischen Verwaltung, Rat und der Büdericher Bürgerschaft. Erster Vorsitzender des Heimatvereins wurde Hermann Norff.
Darüber hinaus belebte er das Dorfleben. So wurde in den Räumen des früheren Rathauses ein Heimatmuseum eingerichtet. Die Tradition des Maibaum-Setzens am 30. April wurde belebt, Heimatfeste und Grünkohlessen veranstaltet. Auch die Tradition des Kappestrecks nach Raesfeld wurde wiederbelebt. Das heimatkundliche Heftchen Unsere Heimat, das auch als Quelle zum Gelingen der Zeitreise Büderich beigetragen hat, wird seit 1984 nahezu jährlich herausgegeben.

Dem Heimatmuseum waren nur wenige Jahre vergönnt, da die Stadt Wesel die Räumlichkeiten anderweitig benötigte. So dienten diese in der Wendezeit kurzzeitig als Flüchtlingsunterkünfte und werden seitdem vom Ev. Kindergarten genutzt.

Im Folgejahr wurde mit dem Koordinationsausschuss Büdericher Vereine ein Dachverband aller Vereine und Organisationen in Büderich gegründet, um Termine und gemeinschaftliche Aktionen und Veranstaltungen zu koordinieren.

120 Jahre nach der Gründung des Marien-Krankenhauses verließen am 31. Dezember 1986 die letzten Ordensschwestern das Marien-Altenheim. 1995 wurde das Haus geschlossen und die Bewohner ins neuerbaute Nikolausstift nach Wesel verlegt. Das Haus Marien, wie es seitdem heißt, wurde umgebaut, so dass 19 Wohnungen entstanden.1

Nördlich der Rheinallee wurde das Neubaugebiet Alte Gärtnerei ausgewiesen und ist inzwischen nahezu vollständig bebaut.

Evangelische Kirche Büderich nach der Restauration

Die Evangelische Kirche wurde zwischen 1991 und 1999 unter Berücksichtigung der Aspekte des Denkmalschutzes aufwendig restauriert und gleicht seither wieder ihrem ursprünglichen Zustand im klassizistischen Stil. Entworfen wurde die Kirche 1819 vom preußischen Baumeister Schinkel.
Im Zuge der Restauration wurde auch der Innenraum der Kirche neu gestaltet. Die alte Orgel wies starke Mängel auf, so dass eine neue im auch ursprünglich dafür vorgesehenen Bereich des Chorraums auf einer Empore installiert wurde.6

In den Jahren 1997/98 musste der Glockenturm von St. Peter saniert werden. Im Juli 2005 erhielt die Kirche einen neuen Steinaltar aus Sandstein sowie Tabernakel- und Ambosäulen. Die Elemente stammten aus der Johanniter Kirche Bokelesch in Ostfriesland. 2010 wurde der Innenraum neu gestrichen.3

Nachdem bereits im Jahr 1984 die St. Pankratius Schützenbruderschaft Gest ihr 300jähriges Bestehen feierte folgten mit der Jahrtausendwende Jubelfeiern der beiden Büdericher Bruderschaften.
Im Jahr 1999 feierte die St. Sebastianus Bürgerschützen-Bruderschaft ihr 575jähriges Jubiläum. Bereits ein Jahr später blickte die St. Petri-Junggesellenschützenbruderschaft auf ihre 550jährige Geschichte zurück. Das Jubiläumsschützenfest wurde aber erst 2001 begangen. Beide Jubiläen wurden groß im Rahmen des städtischen Schützentages mit zahlreichen Gastvereinen gefeiert.


Der oben beschriebene Widerstand der Stadtsweidegesellschaft gegen die Pläne der Wehrbereichsverwaltung und  gegen gewisse Einschränkungen durch den Denkmalschutz sollten nur der Beginn zahlreicher Bürgerinitiativen sein. So bildete sich Ende der 80er Jahre um Hermann Norff die Bürgerinitiative Effektiver Hochwasserschutz, die den unzureichenden Hochwasserschutz in und um Büderich anprangerte und einen geeigneten und effektiven Schutz forderte. In der Folge wurde zwischen Werrich und Birten der rheinferne Deich gebaut, die Bislicher Insel somit im Hochwasserfall zu einem großen Überflutungspolder. Im Bereich von Büderich wurde zwischen 2006 und 2009 der aus dem 15. Jahrhundert stammende Deich komplett abgetragen und der neue Deichkörper als sogenannter Dreizonendeich neu aufgebaut.
Um diese und folgende große Baumaßnahmen zu bewältigen schlossen sich mehrere kleine Deichschauen zunächst zum Deichverband Poll zusammen. Im Mit Wirkung zum 1. Januar 2017 erfolgte dann der Zusammenschluss  der Deichverbände Poll und Orsoy zum Deichverband Duisburg-Xanten. Seinen Sitz hat der Verband in Büderich.

Darüber hinaus bildeten sich weitere Initiativen, z.B. gegen die Aufschüttung eines Walls aus arsenbelasteter Erde im Bereich der Ziegelei. Das Unternehmen hatte sich einen "Lärmschutzwall" genehmigen lassen, um dort die aus dem hessischen Bad Vilbel stammende belastete Erde zu entsorgen. In Folge der Proteste der Bürgerschaft wurde nicht nur der Wall wieder abgetragen, sondern das gesamte Gelände, auf dem noch weitere Altlasten zu Tage kamen, von den Altlasten befreit und renaturiert. Seit 2007 ist das Gelände ein Naturschutzgebiet. Die Kosten teilten sich die Stadt Wesel und der Kreis Wesel.

Niederrheinbrücke zwischen Büderich und Wesel

Im Vorfeld des Baus der Büdericher Ortsumgehung bildeten sich zwei Bürgerinitiativen um den Verlauf der Trasse zu beeinflussen. Die ursprünglich recht eng um den Ort vorgesehene Umgehung wurde daraufhin großräumiger gefasst. Während des Baus machten aufmerksame Beobachter der Baustelle die Politik darauf aufmerksam, dass gemäß Trinkwasserschutz unzulässiges Material aus der Müllverbrennung beim Bau der Umgehung verwendet wurde. Nach einem Baustopp musste die Müllasche wieder ausgebaut und durch unbelastetes Material ersetzt werden.
Nach vierjähriger Bauzeit wurde im Jahr 2009 die neue vierspurige Niederrheinbrücke dem Verkehr übergeben. Die Ortsumgehung Büderich (B58n) wurde am 6. März 2014 offiziell dem Verkehr übergeben.

Weniger erfolgreich war eine Initiative gegen den Bau von Windkraftanlagen im Bereich des Meerfeldes und der Ginderichswardt. Nach Ausweisung einer Windkraftkonzentrationszone durch die Stadt Wesel entstanden hier einige  Anlagen.
 

2009 wurde auf Initiative des Vorsitzenden des Koordinationsauschusses Jürgen Linz das Bürgerforum Büderich ins Leben gerufen worden, um Ideen der Bürgerschaft für die Dorfentwicklung aufzugreifen und voranzutreiben. Ein Schwerpunkt war von Beginn an die Umgestaltung der Ortsdurchfahrt nach Fertigstellung der Umgehungsstraße.7

Rheinische Post, 02. Oktober 2009

Da es bei Bau- und Umbaumaßnahmen innerhalb des Denkmalbereiches Neu-Büderich immer wieder zu Problemen und Streitfällen kam wurde am 23. Mai 2013 eine Gestaltungssatzung verabschiedet, die zu klareren Regeln führte.8 Bei der endgültigen Fassung der Satzung wurden auch einige von der Bürgerschaft eingereichte Änderungensvorschläge berücksichtigt, so dass die Büdericher nun weitgehend ihren Frieden mit dem Denkmalschutz schließen konnten.

Das Bürgerforum beteiligt sich seit 2014 am LEADER-Prozess der Region Lippe-Issel-Niederrhein und hat viele Ideen für Büderich und die Region beigesteiert. Das Motto der LEADER-Bewerbung war Brücken bauen.9

2017 wurde ein Dorfinnenentwicklungskonzept für Büderich erstellt und aus LEADER-Mitteln finanziert. In dieses Konzept flossen viele bereits 2009 gesammelte Ideen, aber auch viele neue Ideen der Bürgerschaft, ein.10
Das Dorfinnenentwicklungskonzept, Voraussetzung für eine erhöhte Landesförderung, ermöglichte die Verwirklichung der Umgestaltung der Weseler Straße im Jahr 2020/2021.
In den Jahren 2022 und 2023 sollen der Marktplatz und die Marktstraße neu gestaltet werden.11

Mit dem Beginn der Umgestaltung der Weseler Straße wurden an dieser Straße auch mehrere private Bauvorhaben begonnen. So entstanden auf der Platanenseite der Straße moderne barrierefreie Wohnungen und eine von der Diakonie betriebene Tagespflegeeinrichtung. Die Caritas plant überdies den Bau eines Seniorenwohnheims in der direkten Nachbarschaft.12
Auf bislang unbebauten Grundstücken zwischen der Weseler Straße und der Straße In der Stiege entsteht derzeit ebenfalls neuer Wohnraum. Eine Brandruine an der Ecke Weseler Straße / Kesselbruck wich dem Bau von neuen Reihenhäusern.

Bereits im Vorfeld der Neugestaltung des Marktes wird auch hier von der Caritas investiert. Der im Jahr 2017 geschlossene traditionsreiche Gasthof van Gelder wird unter Denkmalschutzgesichtspunkten zu einer weiteren Tagespflegeeinrichtung und Wohnungen umgebaut.13

Um kleinere Projekte der Dorfentwicklung sowie kulturelle Veranstaltungen rechtssicher selbst durchführen zu können, ist Anfang 2019 dann der Bürgerverein Büderich als eingetragener und gemeinnütziger Verein aus der Taufe gehoben worden.


Im Jahr 2014 wurden die katholischen Pfarrgemeinden Alpen, Bönninghardt, Büderich, Ginderich, Menzelen und Veen zur Großpfarrei St. Ulrich zusammengeschlossen.

Im selben Jahr wurde die sukzessive Schließung der Gindericher Grundschule beschlossen. Seit 2018 dient das Gindericher Schulgebäude nicht mehr seinem ursprünglichen Zweck. Inzwischen wird das Gebäude für vielfältige dörfliche Aktivitäten und Kurse genutzt.
Die Grundschüler aus Ginderich werden seitdem mit dem Bus zur Grundschule in Büderich gefahren. In der Folge musste die Schule in Büderich für die erhöhte Schülerzahl und die offene Ganztagsbetreuung baulich angepasst werden.


2015 wurde die Bürgerinitiative der Salzbergbaugeschädigten gegründet, die sich für die Schadensregulierung der vom Salzbergbau durch Bergsenkungen verursachten Schäden einsetzt. Hauptziele der Initiative sind eine Beweislastumkehr bei der Schadensbeurteilung und der Beitritt der Bergbauunternehmen zu einer neutralen Schlichtungsstelle.14

Rheinische Post, 12. November 2015

Digital ist Büderich inzwischen auf der Höhe der Zeit und für die Zukunft gerüstet.

Im Jahr 2018 schloss die Deutsche Glasfaser GmbH die Ortsteile Büderich, Ginderich Werrich und Perrich an ihr Glasfasernetz an, um die Haushalte mittels FTTH mit Breitband bis zu 1 Gbit/s zu versorgen. Im Rahmen einer Nachfragebündelung hatten im Vorfeld 47 % der Haushalte einen entsprechenden Vorvertrag abgeschlossen.

Die Deutsche Telekom rüstete daraufhin ebenfalls im Jahr 2018 ihr Netz mittels Vectoring auf, so dass in ihrem Netz nun VDSL zur Verfügung steht.

2021/2022 werden auch die Häuser und Gehöfte im Außenbereich an das Glasfasernetz der Deutschen Glasfaser angebunden.

Marcus Abram

Quellen:

  1. St. Sebastiuanus Bürgerschützen-Bruderschaft: Festschrift 575 Jahre St. Sebastianus Bürgerschützen-Bruderschaft 1424 Büderich, 1999, S. 33-35
  2. St. Petri-Junggesellenschützenbruderschaft 1450 Büderich e.V.: Jubiläumsfestschrift 550 Jahre St. Petri-Junggesellenschützenbruderschaft, 2001, S. 34
  3. Arbeitsgruppe 200 Jahre St. Peter Büderich: Rückblick auf die Geschichte der Pfarrkirche St. Peter Büderich zur 200. Wiederkehr ihres Weihetages, Wesel 2021, S. 39ff
  4. Büdericher Spielverein: Wir leben Sport! 100 Jahre Büdericher Spielverein 1919 e.V., Jubiläumschronik, 2019, S. 31ff
  5. Stadt Wesel: Satzung der Stadt Wesel für den Denkmalbereich Nr. 1 'Neu-Büderich, Stadtanlage auf regelmäßigem Rechteckraster' in Wesel, Ortsteil Büderich, gemäß § 5 Denkmalschutzgesetz für das Land Nordrhein-Westfalen
  6. Joachim Wolff, Eginhard Brandt, Eugen Aaldering: Bilder einer Kirche. Die Evangelische Kirche Büderich. Herausgegeben von der Evangelischen Kirchengemeinde Büderich, Wesel 2001, ISBN 3-9802870-25, S. 29
  7. Bürgerforum Büderich: Protokolle aus den Arbeitskreisen
  8. Stadt Wesel: Satzung der Stadt Wesel über die äußere Gestaltung baulicher Anlagen und unbebauter Flächen für 'Neu-Büderich', historische Stadtanlage auf regelmäßigem Rechteckraster in Wesel-Büderich gem. § 86 BauO NRW vom 23. Mai 2013
  9. inspektour GmbH: Lokale Entwicklungsstrategie (LES) der Region Lippe-Issel-Niederrhein 2014 - 2020
  10. OEKOPLAN Ingenieure: Dorfinnenentwicklungskonzept Büderich, 2017
  11. Stadt Wesel: Umgestaltung Marktplatz und Marktstraße - Baubeschluss
  12. Eberl & Lohmeymer Architekten: Neubau des Pflegeheims der Caritas in Wesel-Büderich
  13. Eberl & Lohmeymer Architekten: Tagespflege der Caritas in Wesel-Büderich - St. Stephanus Haus
  14. BI der Salzberbaugeschädigten: Bürgerinitiative der Salzbergbaugeschädigten NRW e.V., Ziele und Forderungen